Dienstag, 1. März 2011

Rezension: Faktor Vier - Doppelter Wohlstand - halbierter Naturverbrauch

Es war anstrengend, hat gedauert, aber endlich habe ich es geschafft - und es hat sich gelohnt.

Wenn ich diesen Satz auf meine Anstrengungen beziehen könnte, den Untertitel des Buchs "Faktor Vier" zu erfüllen, könnte ich einen wahren Erfolg vorweisen. Dagegen meine ich lediglich "Es war anstrengend, das Buch zu Ende zu lesen, hat gedauert....". Aber der Reihe nach: Im folgenden gehe ich kurz auf den Inhalt und meine gemachte Leseerfahrung ein, bevor ich zu einem kurzen Fazit komme.

Um was geht es?

Faktor Vier ist ein Bericht an den Club of Rome aus dem Jahre 1995. Die Autoren sind Ernst Ulrich von Weizsäcker, Amory B. Lovins und L. Hunter Lovins. Das Buch liest sich durchaus als Antwort auf  den ersten Bericht an den Club of Rome, "Limits to Growth" aus dem Jahre 1972:  1995 geht es nun darum, diese Grenzen zu verschieben, bzw. gar nicht erst zu erreichen. Das Mittel der Wahl ist dabei eine konsequente Steigerung der Ressourcenproduktivität. Diese soll begleitet werden durch eine (Zitat Klappentext:) "zukunftssichernde, umweltschonende und dennoch profitversprechenden Wirtschaftspolitik". Das Buch gliedert sich im wesentlichen in 4 Teile:

Teil 1: 50 Beispiele für den Faktor Vier
Es werden wirklich 50 Beispiele vorgestellt:
  • von gesteigerter Energieproduktivität (20 Beispiele, vom Passivhaus über Kühlschränke und Beleuchtung bis zum Tomatenanbau)
  • über gestoigerte Stoffproduktivität (20 Beispiele, von Hyperautos und Wassernutzung über Baumwollproduktion und Landwirtschaft)
  • hin zu gesteigerter Transportproduktivität (10 Beispiele, von Videokonferenzen über Transportunsinn bei Erdbeerjoghurt und Alternativen zu ICE und Transrapid bis hin zu neuen Siedlungskonzepten)
Teil 2: Die Umsetzung - Effizienz muss sich lohnen
Hier werden erst allgemeine Marktprinzipien und deren Anwendung auf die Effizienzrevolution diskutiert. Gegen Ende werden Vorschläge für eine ökologische Steuerreform gemacht.
Teil 3: Die Umweltkrise zwingt zum Handeln
Da das Buch/der Bericht 1995 herausgebracht wurde, beschäftigt sich dieses Kapitel mit den Ergebnissen des Erdgipfels von 1992 in Rio de Janeiro (offiziell: United Nations Conference on Environment and Development – UNCED).
Im Anschluß werden offene Fragen (Stofflawinen) sowie die zur damaligen Zeit bestehende Umweltgesetzgebung unter die Lupe genommen - und kritisiert. Lösungsvorschläge werden teilweise direkt gemacht - oder kommen in Teil 4.

Teil 4: Zivilisationsfortschritte
Die Autoren versuchen sich an einer neuen Definition von Wohlstand und fordern die Abkehr vom reinen Bruttosozialprodukt-Denken. Auch das Thema Überalterung der Gesellschaft wird angesprochen, genauso wie der Zusammenhang von Freihandel und Umweltschutz.

Wie ging's mir als Leser?

Nun könnte ich meine Eingangsworte wiederholen...
Es war anstrengend, ...
Die Beispiele alle nachzuvollziehen und wirklich den jeweiligen Zusammenhängen ist zwar durchaus möglich durch die - Klappentext - "leicht verständliche Sprache". Und doch ist das alles keine Bettlektüre. Der Text ist durchaus dicht und verlangt die Aufmerksamkeit des Lesers - was ich nun nicht als Abwertung verstanden wissen möchte!
...hat gedauert,...
Da ich nun Bücher meist Abends vor dem Einschlafen lese - Ihr ahnt es - bin ich irgendwann nur noch zögerlich weitergekommen. War schließlich frustriert. Und beschloß eine Lesepause. Und das mitten in dem Abschnitt über die Transportproduktivität.
...aber endlich habe ich es geschafft...
Schließlich hat mich irgendwann der Ehrgeiz wieder gepackt (zum Glück!) und ich konnte mich durchringen das Ding zu Ende zu Lesen. Heute nachmittag im Garten bei strahlender Sonne habe ich die letzten Seiten umgeblättert.
und es hat sich gelohnt.
Dass das Thema Überalterung in diesem Kontext mit angesprochen wurde hat mich überrascht - nicht im Verlauf des Buches sondern rückblickend: In diesem Buch? 1995? als Chance, weniger als Risiko? (hat Minister Blüm deswegen seine berühmten Worte gesprochen...?)
Gerade der letzte Teil liest sich wie ein mutmachendes Zukunftsprogramm.

Mein Fazit

Vorneweg: Ich werde Faktor Fünf - den neuen Berich an den Club of Rome nicht lesen. Einfach weil noch zu viele Dingeseit 1995 offen geblieben sind und wir weit davon entfernt sind den Faktor Vier zu schaffen - und zwar im täglichen Leben!
Außerdem habe ich ja oben bereits gestanden, dass das Buch als Nebenher-Lektüre und Krimi-Ersatz ungeeignet ist. Will es ja aber auch nicht sein: Es öffnet die Augen für alles, was 1995 schon möglich war - und läßt erahnen, wieviel heute mehr als 15 Jahre später möglich wäre.

Es ist kein "grünes" Buch, es ist kein Wirtschaftsbuch - der Bericht schafft die Synthese zwischen beiden Welten. Falls jemand nach einer Basis für eine Koalition zwischen CDU und den Grünen sucht, in diesem Buch stehen die Grundlagen dazu.

Interessant für mich auch: die Position zum Thema Kernenergie. Meine Präferenz dürfte ja bekannt sein. Nun, der Bericht sagt klar, dass man nicht vom "übereilten Abschalten einigermaßen sicherer Atommeiler, wenn diese durch Fossilkraftwerke ersetzt werden" hält (Seite 279). Aber gleich im nächsten Satz: "... man darf nicht so tun, als stünde die Kernenergie im Zentrum des Klimaschutzes." Wie kommen die Autoren dazu? Auf Seite Seite 278 stellen sie ein einfaches Rechenexempel auf. Basis ist der Weltenergieverbrauch von 1995. Da macht Kernenergie 5 % der Deckung aus. Die damaligen Schätzungen gingen davon aus, dass sich der Verbrauch innerhalb von 40 Jahren verdoppeln wird. Schafft man es nun die Kapazität Kernkraft im gleichen Zeitraum zu verdreifachen, macht der Anteil an der dann gesamten Summe gerade mal 7,5 % aus. Zitat: "Ist das die Lösung?" Ich ergänze: Ist das die Zukunft? Nein. Siehe auch aktuellere Zahlen zum Energiemix sowie Schätzung der Entwicklung des Weltenergieverbrauchs bis 2060.

Ansonsten ist das Buch sehr ausgewogen, zeigt bewußt keine Utopie, sondern demonstriert das Machbare. Als Beispiel dafür seien die letzten Sätze hier zitiert:

"Märkte lassen uns alle sieben Todsünden feiern - außer der Faulheit, denn die ist schlecht für den Umsatz. [...]
Doch mit der Forderung nach Schranken für die Ökonomie lösen wir wieder andere Ängste aus, nämlich die vor einer autoritären, diesmal grün-gefärbten staatlichen Besserwisserei, die der Freiheit fesseln anlegt und im Totalitarismus enden kann.
Dieser Gefahr entgeht man dadurch, daß man die Regeln der Freiheit und der demokratischen Mitbestimmung hochhält. Wir brauchen einen offenen und andauernden Diskurs, in dem der Weg einer freien Ökonomie unter ständiger Beachtung der Wachstumsgrenzen festgelegt wird. Hier trifft sich unsere Kritik an der maßlosen Ökonomie mit der modernen Auffasung eines Coase, welche der Machtausübung durch Monopolisten und der Ausräuberung von Ressourcen den Riegel der Verhandlungslösung vorschieben will.Allerdings können an einer Runde über ökologische Zukunftsstrategien die wichtigsten Partner gar nicht am Verhandlungstisch sitzen: Es sind die künftigen Generationen und die der menschlichen Sprache nicht mächtigen Tier- und Pflanzenarten von heute und morgen."


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